Graffiti helfen, mit der Jugend bewusst umzugehen
Aus der Schmuddelecke holen
- VON HARALD KNITTER -
"Nur Narrenhände beschmieren Tisch und Wände": Gibt man im Internet als
modernstem Medium diese Redensart ein, landet man fast ausschließlich beim
Thema Graffiti - ein Armutszeugnis für den Stand der jahrzehntealten Diskussion.
Mit einem derart banalen Spruch kommt man in der komplexen Graffiti-Frage
zu keiner tragfähigen Antwort. Er klingt, als wären die jugendlichen Sprayer
gerade dem Buntstift-Alter entwachsen. Vielleicht fehlt manchem Jugendlichen
in der Tat schlicht eine sinnvolle Betätigung und Respekt vor fremdem Eigentum.
Legal wäre aber auch die kreative Wandmalerei mit der Sprühdose durchaus
ein prima Hobby.
Graffiti sind jedoch mehr, eine eigene Ausdrucksform.
So melden die unzähligen "Tags", jene verschlungenen Initialen, der Öffentlichkeit
von Wänden und Verteilerkästen: "Ich bin da." In einer Gesellschaft, in der
viele junge Menschen nicht nur Zukunftsängste haben, sondern sich auch unbeachtet,
gar minderwertig fühlen, sind dies Ausrufe-Zeichen. Die Älteren müssen diese
Zeichen der Zeit erkennen und sich stärker mit der Jugend befassen, deren
vielleicht fremd wirkende Kultur ernst nehmen. Viele Eltern wissen gar nicht,
was ihre Kinder in der Freizeit treiben - es interessiert sie oft einfach
nicht. Manch vernachlässigter Spross "aus gutem Hause" schleicht mit der
Lack-Dose nachts durch Unterführungen und Bahnhöfe.
Wo Rebellion dahinter
steckt, kann eine Flächenbörse das illegale Sprühen nicht verhindern. Sie
kann aber Graffiti gesellschaftlich aus der Schmuddelecke holen und zu Gesprächsstoff
zwischen Jung und Alt machen. Und die Kenner der Szene erwarten noch etwas
anderes: Am helllichten Tage werden Kunstwerke entstehen, mit denen der nächtliche
Tagger nicht mithalten kann. Findet der Sprüher so seinen Meister, lässt
er aus Respekt die besseren Werke stehen und muss er sich mit dem eigenen
Tun auseinander setzen. Der womöglich neue Qualitätsgedanke birgt den Anreiz,
an sich zu arbeiten, um besser zu werden. Wenn es dazu bei den illegalen
Sprühern kommt, die bisher niemand stoppen konnte, ist das ein Fortschritt.