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Saarlandseite 14.08.2002
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Prinzip: Graffiti gegen Graffiti

Saarlandweite Flächenbörse für legale Wandbilder soll Kontroverse um Sachbeschädigung durch Sprüher entschärfen

- Von HARALD KNITTER -

Saarbrücken. Das Genie ist nah am Wahnsinn, der Künstler immer mit einem Bein im Knast: An Graffiti scheiden sich die Geister. Sind die jungen Männer und Frauen mit der Sprühdose überhaupt Künstler oder nur Schmierfinken? Betreiben Sie Stadtverschönerung oder Sachbeschädigung? Die Kontroverse hält in Europa an, seit der Schweizer Harald Nägeli vor 25 Jahren mit auf triste Häuserfassaden und Betonwände gesprühten Strichmännchen als "Sprayer von Zürich" berühmt und berüchtigt wurde. Mit internationalem Haftbefehl gesucht, verbrachte er letztlich sechs Monate hinter Gittern - trotz Fürsprecher wie Joseph Beuys, Klaus Staeck und Willy Brandt.

Heute sind die Werke aus den Sprühdosen Teil der jungen Hip-Hop-Kultur geworden. Verschlungene Initialen ("Graffiti-Tags") markieren als "Duftmarke" zigfach das städtische Terrain; aber auch komplexe, teils anspruchsvolle Gemälde "Lack auf Beton" tauchen - im Dunkel der Nacht geschaffen - meistens illegal an öffentlichen und privaten Gebäuden auf. Laut Landespolizeidirektion sind dieses Jahr saarlandweit rund 500 Anzeigen wegen Sachbeschädigung durch Graffiti erstattet worden. "Die Dunkelziffer wird immens sein", so ein Polizei-Sprecher. Tendenz steigend. Die Deutsche Bahn gibt dieses Jahr zur Beseitigung von Graffiti und Vandalismus-Schäden an den 73 Bahnhöfen im Saarland rund 450000 Euro aus - rund das Doppelte der Summe aus dem Jahr 2000.

Im Saarland sollen den Sprühern nun mehr Möglichkeiten geschaffen werden, ihre Graffiti legal anzubringen. Der Verein Saargebeat (siehe Infokasten) will dafür eine Flächenbörse einrichten: Dort können Kommunen und Verbände, Betriebe und Privatleute, die über Gebäude mit eintönigen Wänden verfügen, diese Flächen zur Verfügung stellen. Saargebeat e.V. bringt dann die Eigentümer mit interessierten Künstlern zusammen.

Um auf die Initiative aufmerksam zu machen, hat der Verein von der Stadt Saarbrücken ein Vorzeige-Objekt zur Verfügung gestellt bekommen: die rund 450 Meter lange Mauer unterhalb der Stadtautobahn gegenüber der Wiesen am Staden. Diese viel beachtete Fläche in der Landeshauptstadt werden vom 15. bis 18. August bundesweit bekannte Künstler und Sprayer aus der Region gestalten. Da Dutzende von Akteuren mit Tausenden von Sprühdosen hantieren, wird der Fuß- und Radweg am linken Saarufer in dieser Zeit teilweise gesperrt. Saarbrückens Oberbürgermeister Hajo Hoffmann sagt als Schirmherr der Auftaktveranstaltung: "Wir können damit Aufmerksamkeit auf eine besondere Kunstform der Jugend lenken, die etwas anderes ist als jene Schmierereien, die man überall in der Stadt sieht und die keiner gut findet."

Bedenken, dass die ohnehin schon illegal besprühte Wand nach der Aktion alsbald wieder ein chaotischer Schandfleck werde, hält Frederik Brockmeyer vom Verein Saargebeat entgegen: "Wenn etwas gut ist, respektieren die Leute das auch. Sie erkennen an: Der ist besser als ich." Gute Motive bleiben demnach erhalten. Saargebeat e.V. hat zusammen mit dem SR-Magazin "Saarlight" die Idee entwickelt und mit den zuständigen Stellen im Landesamt für Straßenwesen, Wirtschaftsministerium, Kultusministerium und der Stadt Saarbrücken die Umsetzung geklärt. Nun sind für die Aktion an der A620 Topleute eingeladen, wie die bundesweit bekannten Mason (Dortmund) und Seak (Köln) oder Daim (Hamburg), der sogar in New York hoch dotierte Auftragsarbeiten ausführt.

Das soll auch in der Flächenbörse zum Tragen kommen. Marko Jung von Saargebeat erzählt: "Ich kenne das aus Hamburg, dass ein Hausbesitzer sagte: Meine Wand ist ohnehin zugetagt, da lasse ich sie lieber gestalten. Dann ist sie ansehnlicher und ,geschützt{lsquo}." Brockmeyer ergänzt: "Das ist das Prinzip Graffiti gegen Graffiti. Andere machen sich lächerlich, wenn sie schlecht neben gut gestalteten Graffiti sprühen." Zum jahrelangen vergeblichen Kampf gegen wilde Schmierereien mit der Sprühdose sagt der 25-jährige Kunststudent: "Es gibt keine andere Möglichkeit als unser Modell. Man könnte nur versuchen, eine Fläche komplett zu begrünen. " Dabei warnt Jung vor zu hohen Erwartungen: "Dass die Leute direkt aufhören, illegal zu sprühen, das wird nicht passieren. Wir fangen jetzt hier an, neue Wege zu gehen." Auch Brockmeyer betont: "Es gibt Leute, die sich über das Illegale definieren." Selbst wenn nicht alle Sprayer zu erreichen sind, bedeutet das Projekt für OB Hoffmann eines: "die Dialogfähigkeit, die wir mit allen gesellschaftlichen Gruppen entwickeln müssen - auch denen, die nicht geliebt werden." Legale Flächen im Blick der Öffentlichkeit, wie jene erste an der Autobahn-Mauer, bieten auch die Chance, dass sich beide Seiten kennen lernen können und argumentieren müssen. "Bisher war das so", sagt Frederick Brockmeyer, "morgens sind die Graffiti an der Hauswand und die Besitzer wissen nicht mal, ob es ihr eigenes Kind gewesen sein kann."


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