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Prinzip: Graffiti gegen Graffiti
Saarlandweite Flächenbörse für legale Wandbilder soll Kontroverse um Sachbeschädigung durch Sprüher entschärfen
- Von HARALD KNITTER -
Saarbrücken. Das Genie ist
nah am Wahnsinn, der Künstler immer mit einem Bein im Knast: An Graffiti
scheiden sich die Geister. Sind die jungen Männer und Frauen mit der Sprühdose
überhaupt Künstler oder nur Schmierfinken? Betreiben Sie Stadtverschönerung
oder Sachbeschädigung? Die Kontroverse hält in Europa an, seit der Schweizer
Harald Nägeli vor 25 Jahren mit auf triste Häuserfassaden und Betonwände
gesprühten Strichmännchen als "Sprayer von Zürich" berühmt und berüchtigt
wurde. Mit internationalem Haftbefehl gesucht, verbrachte er letztlich sechs
Monate hinter Gittern - trotz Fürsprecher wie Joseph Beuys, Klaus Staeck
und Willy Brandt. Heute
sind die Werke aus den Sprühdosen Teil der jungen Hip-Hop-Kultur geworden.
Verschlungene Initialen ("Graffiti-Tags") markieren als "Duftmarke" zigfach
das städtische Terrain; aber auch komplexe, teils anspruchsvolle Gemälde
"Lack auf Beton" tauchen - im Dunkel der Nacht geschaffen - meistens illegal
an öffentlichen und privaten Gebäuden auf. Laut Landespolizeidirektion sind
dieses Jahr saarlandweit rund 500 Anzeigen wegen Sachbeschädigung durch Graffiti
erstattet worden. "Die Dunkelziffer wird immens sein", so ein Polizei-Sprecher.
Tendenz steigend. Die Deutsche Bahn gibt dieses Jahr zur Beseitigung von
Graffiti und Vandalismus-Schäden an den 73 Bahnhöfen im Saarland rund 450000
Euro aus - rund das Doppelte der Summe aus dem Jahr 2000. Im
Saarland sollen den Sprühern nun mehr Möglichkeiten geschaffen werden, ihre
Graffiti legal anzubringen. Der Verein Saargebeat (siehe Infokasten) will
dafür eine Flächenbörse einrichten: Dort können Kommunen und Verbände, Betriebe
und Privatleute, die über Gebäude mit eintönigen Wänden verfügen, diese Flächen
zur Verfügung stellen. Saargebeat e.V. bringt dann die Eigentümer mit interessierten
Künstlern zusammen. Um
auf die Initiative aufmerksam zu machen, hat der Verein von der Stadt Saarbrücken
ein Vorzeige-Objekt zur Verfügung gestellt bekommen: die rund 450 Meter lange
Mauer unterhalb der Stadtautobahn gegenüber der Wiesen am Staden. Diese viel
beachtete Fläche in der Landeshauptstadt werden vom 15. bis 18. August bundesweit
bekannte Künstler und Sprayer aus der Region gestalten. Da Dutzende von Akteuren
mit Tausenden von Sprühdosen hantieren, wird der Fuß- und Radweg am linken
Saarufer in dieser Zeit teilweise gesperrt. Saarbrückens Oberbürgermeister
Hajo Hoffmann sagt als Schirmherr der Auftaktveranstaltung: "Wir können damit
Aufmerksamkeit auf eine besondere Kunstform der Jugend lenken, die etwas
anderes ist als jene Schmierereien, die man überall in der Stadt sieht und
die keiner gut findet." Bedenken,
dass die ohnehin schon illegal besprühte Wand nach der Aktion alsbald wieder
ein chaotischer Schandfleck werde, hält Frederik Brockmeyer vom Verein Saargebeat
entgegen: "Wenn etwas gut ist, respektieren die Leute das auch. Sie erkennen
an: Der ist besser als ich." Gute Motive bleiben demnach erhalten. Saargebeat
e.V. hat zusammen mit dem SR-Magazin "Saarlight" die Idee entwickelt und
mit den zuständigen Stellen im Landesamt für Straßenwesen, Wirtschaftsministerium,
Kultusministerium und der Stadt Saarbrücken die Umsetzung geklärt. Nun sind
für die Aktion an der A620 Topleute eingeladen, wie die bundesweit bekannten
Mason (Dortmund) und Seak (Köln) oder Daim (Hamburg), der sogar in New York
hoch dotierte Auftragsarbeiten ausführt. Das
soll auch in der Flächenbörse zum Tragen kommen. Marko Jung von Saargebeat
erzählt: "Ich kenne das aus Hamburg, dass ein Hausbesitzer sagte: Meine Wand
ist ohnehin zugetagt, da lasse ich sie lieber gestalten. Dann ist sie ansehnlicher
und ,geschützt{lsquo}." Brockmeyer ergänzt: "Das ist das Prinzip Graffiti
gegen Graffiti. Andere machen sich lächerlich, wenn sie schlecht neben gut
gestalteten Graffiti sprühen." Zum jahrelangen vergeblichen Kampf gegen wilde
Schmierereien mit der Sprühdose sagt der 25-jährige Kunststudent: "Es gibt
keine andere Möglichkeit als unser Modell. Man könnte nur versuchen, eine
Fläche komplett zu begrünen. " Dabei warnt Jung vor zu hohen Erwartungen:
"Dass die Leute direkt aufhören, illegal zu sprühen, das wird nicht passieren.
Wir fangen jetzt hier an, neue Wege zu gehen." Auch Brockmeyer betont: "Es
gibt Leute, die sich über das Illegale definieren." Selbst wenn nicht alle
Sprayer zu erreichen sind, bedeutet das Projekt für OB Hoffmann eines: "die
Dialogfähigkeit, die wir mit allen gesellschaftlichen Gruppen entwickeln
müssen - auch denen, die nicht geliebt werden." Legale Flächen im Blick der
Öffentlichkeit, wie jene erste an der Autobahn-Mauer, bieten auch die Chance,
dass sich beide Seiten kennen lernen können und argumentieren müssen. "Bisher
war das so", sagt Frederick Brockmeyer, "morgens sind die Graffiti an der
Hauswand und die Besitzer wissen nicht mal, ob es ihr eigenes Kind gewesen
sein kann."
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