Ein optisches Highlight war die Mauer
an der Stadtautobahn in der Saarbrücker City
über all die Jahre nicht gerade. Grauer
Beton, ab und zu irgendeine Graffiti-Kritzelei,
nein, das machte wahrlich nicht viel
her. Nun aber ist die immerhin 450 Meter
lange Strecke zu einem Blickfang mutiert,
der schon nach kurzer Zeit aus dem Ambiente
der Stadt kaum mehr wegzudenken
ist: Sprayer aus ganz Deutschland und Europa
haben im Spätsommer bei einem spektakulären
Meeting diesen Fleck mit knalligen
Gemälden aus der Farbsprühdose zu einem
bunten Kunstobjekt geadelt – dem
größten seiner Art im Saarland.
Angereist waren auch Stars der Szene
aus vielen Städten in der Republik: etwa
Seak, Daim, Mason, so ihre Künstlernamen.
Der ursprünglich aus New York stammende
und jetzt auf dem alten Kontinent lebende
Graffiti-Promi Sub mischte ebenfalls
mit. Nicht wenige Sprayer verdienen übrigens
inzwischen mit ihren Werken ganz legal
Geld, auch mit internationalen Aufträgen.
Auf die Idee für dieses Event war "saargebeat"
verfallen, eine Vereinigung junger
Kunstschaffender zur Förderung der Hip-Hop-Kultur – schließlich sind im Umfeld
der Hip-Hop-Musik auch Künstler aus anderen
Bereichen aktiv. Dieses Projekt wollte Sprayern eine Gelegenheit zur Entfaltung
ihrer Kreativität bieten – ganz gesetzeskonform.
Dass irgendwelche Wände zum Besprühen zur Verfügung gestellt werden,
kommt vielerorts immer mal wieder
vor. Die Aktion an der Saarbrücker Stadtautobahn, bundesweit eine der bedeutsamsten
dieses Genres, soll indes keine Eintagsfliege
bleiben: Die Leute von "saargebeat"
hoffen, dass in Zukunft überall im
Saarland öffentliche und private Eigentümer
Sprayern Wände für eine Verschönerung
offerieren. Eine solche Initiative für
ein ganzes Bundesland gibt es sonst noch
nirgends.
Politik zeigt Interesse
Dieses Konzept, das auf künstlerisch anspruchsvolle Graffiti setzt, ist auch bei
Kommunal- und Landespolitikern auf Interesse
gestoßen. Das ist keineswegs selbstverständlich:
Meist wird Sprayen als angebliches
Teufelszeug gebrandmarkt. Und
vor allem aus Kreisen der Union wurden
über den Bundesrat immer wieder Vorstöße
unternommen, das in der Regel ohnehin unter
Strafandrohung stehende illegale
Sprühen mit noch mehr Repression zu
bekämpfen: Geht es nach diesen Vorstellungen,
soll Graffiti nicht mehr wie bisher im Falle einer tatsächlichen Sachbeschädigung
an Gebäuden, sondern allein schon als
so genannte "optische Verschandelung"
verfolgt werden.
Doch muss man immer gleich den
Knüppel von Polizei und Justiz herausholen?
Warum nicht das kreative Potenzial sehen?
Reinhold Jost, innenpolitischer Sprecher
der SPD-Fraktion im Saar-Landtag:
"Junge Menschen sollen die Chance haben,
ihre Identität auszuleben. Ohne gesetzliche
Verwerfungen." So befürwortet denn Jost
die Idee von "saargebeat" und appelliert an
die Kommunen, querbeet im Land nach geeigneten
Flächen für Sprühkunst Ausschau
zu halten. Wände und Mauern müssten allerdings
attraktiv sein und dürften nicht irgendwo
versteckt liegen: "Nur so können
Sprayer in der Öffentlichkeit Wirkung erzielen."
Der SPD-Politiker will in seinem Wohnort
Siersburg persönlich auf die Suche nach
Flächen gehen. Schon einmal hatte Jost erreicht,
dass in seiner Heimatgemeinde eine
Halle für Graffiti freigegeben wurde: Die
bunten Bilder sprangen Passanten ziemlich
lange ins Auge, bis dann eines Tages die
Farbe abzublättern begann. Der Abgeordnete
teilt nicht die Befürchtung, dass durch
vermehrtes legales Sprühen das nicht gesetzeskonforme Sprayen noch mehr gepusht
würde.
Saarbrücken sucht weitere
Flächen für Graffiti-Aktionen
Auch im CDU-Wirtschaftsministerium
zeigt man sich aufgeschlossen. Das Ressort
überließ der Stadt Saarbrücken die Stadtautobahn
für das große Graffiti-Meeting. An
solchen Schnellstraßen gebe es jedoch im
Land keine weiteren Flächen, welche die
erforderliche öffentliche Aufmerksamkeit
erregen können. Das Ministerium ruft stattdessen
beispielsweise die Schulträger auf,
in diesem Bereich etwas zu tun.
Das Rathaus der Hauptstadt will es nicht
bei der einmaligen Unterstützung der Initiative
von "saargebeat" belassen. Die
Kunstwerke an den 450 Metern Autobahnmauer
sollen jedenfalls auf Dauer dort bleiben.
Stadt-Sprecher Mark Diening: "Wir
werden prüfen, ob wir noch mehr geeignete
Flächen für Graffiti-Aktionen finden."
Ausdrücklich appelliert das Rathaus auch
an private Eigentümer, sich zu solchen Angeboten
zu entschließen (Telefon für Interessenten:
(0681) 905-4249).
Sprayer-Star Sub hatte bei seinem Saarbrücker
Auftritt für die dortige freie Atmosphäre
ein dickes Lob parat, das freilich so
manchem Konservativen hier zu Lande
eher sauer aufstoßen dürfte: So etwas sei in
New York nicht möglich. Kein Wunder: In
der US-Metropole herrscht generell das
Prinzip Null Toleranz – etwa gegenüber
Rauchern – auch bei Graffiti. Von wegen
Liberalität.
Karl-Otto Sattler