Ausgabe: Heft 8 - Dezember 2002
Graffiti-Kunst
Besser als in New York
© Foto: Oettinger Ein Blickfang an der Saarbrücker Stadtautobahn: Graffiti-Kunst mit internationalem Flair.
Foto: Oettinger

An der Saar sollen Sprayer landesweit Flächen für legales Sprühen erhalten. Dafür gibt es eine breite politische Unterstützung.

Ein optisches Highlight war die Mauer an der Stadtautobahn in der Saarbrücker City über all die Jahre nicht gerade. Grauer Beton, ab und zu irgendeine Graffiti-Kritzelei, nein, das machte wahrlich nicht viel her. Nun aber ist die immerhin 450 Meter lange Strecke zu einem Blickfang mutiert, der schon nach kurzer Zeit aus dem Ambiente der Stadt kaum mehr wegzudenken ist: Sprayer aus ganz Deutschland und Europa haben im Spätsommer bei einem spektakulären Meeting diesen Fleck mit knalligen Gemälden aus der Farbsprühdose zu einem bunten Kunstobjekt geadelt – dem größten seiner Art im Saarland.

Angereist waren auch Stars der Szene aus vielen Städten in der Republik: etwa Seak, Daim, Mason, so ihre Künstlernamen. Der ursprünglich aus New York stammende und jetzt auf dem alten Kontinent lebende Graffiti-Promi Sub mischte ebenfalls mit. Nicht wenige Sprayer verdienen übrigens inzwischen mit ihren Werken ganz legal Geld, auch mit internationalen Aufträgen.

Auf die Idee für dieses Event war "saargebeat" verfallen, eine Vereinigung junger Kunstschaffender zur Förderung der Hip-Hop-Kultur – schließlich sind im Umfeld der Hip-Hop-Musik auch Künstler aus anderen Bereichen aktiv. Dieses Projekt wollte Sprayern eine Gelegenheit zur Entfaltung ihrer Kreativität bieten – ganz gesetzeskonform. Dass irgendwelche Wände zum Besprühen zur Verfügung gestellt werden, kommt vielerorts immer mal wieder vor. Die Aktion an der Saarbrücker Stadtautobahn, bundesweit eine der bedeutsamsten dieses Genres, soll indes keine Eintagsfliege bleiben: Die Leute von "saargebeat" hoffen, dass in Zukunft überall im Saarland öffentliche und private Eigentümer Sprayern Wände für eine Verschönerung offerieren. Eine solche Initiative für ein ganzes Bundesland gibt es sonst noch nirgends.

Politik zeigt Interesse

Dieses Konzept, das auf künstlerisch anspruchsvolle Graffiti setzt, ist auch bei Kommunal- und Landespolitikern auf Interesse gestoßen. Das ist keineswegs selbstverständlich: Meist wird Sprayen als angebliches Teufelszeug gebrandmarkt. Und vor allem aus Kreisen der Union wurden über den Bundesrat immer wieder Vorstöße unternommen, das in der Regel ohnehin unter Strafandrohung stehende illegale Sprühen mit noch mehr Repression zu bekämpfen: Geht es nach diesen Vorstellungen, soll Graffiti nicht mehr wie bisher im Falle einer tatsächlichen Sachbeschädigung an Gebäuden, sondern allein schon als so genannte "optische Verschandelung" verfolgt werden.

Doch muss man immer gleich den Knüppel von Polizei und Justiz herausholen? Warum nicht das kreative Potenzial sehen? Reinhold Jost, innenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Saar-Landtag: "Junge Menschen sollen die Chance haben, ihre Identität auszuleben. Ohne gesetzliche Verwerfungen." So befürwortet denn Jost die Idee von "saargebeat" und appelliert an die Kommunen, querbeet im Land nach geeigneten Flächen für Sprühkunst Ausschau zu halten. Wände und Mauern müssten allerdings attraktiv sein und dürften nicht irgendwo versteckt liegen: "Nur so können Sprayer in der Öffentlichkeit Wirkung erzielen."

Der SPD-Politiker will in seinem Wohnort Siersburg persönlich auf die Suche nach Flächen gehen. Schon einmal hatte Jost erreicht, dass in seiner Heimatgemeinde eine Halle für Graffiti freigegeben wurde: Die bunten Bilder sprangen Passanten ziemlich lange ins Auge, bis dann eines Tages die Farbe abzublättern begann. Der Abgeordnete teilt nicht die Befürchtung, dass durch vermehrtes legales Sprühen das nicht gesetzeskonforme Sprayen noch mehr gepusht würde.

Saarbrücken sucht weitere Flächen für Graffiti-Aktionen

Auch im CDU-Wirtschaftsministerium zeigt man sich aufgeschlossen. Das Ressort überließ der Stadt Saarbrücken die Stadtautobahn für das große Graffiti-Meeting. An solchen Schnellstraßen gebe es jedoch im Land keine weiteren Flächen, welche die erforderliche öffentliche Aufmerksamkeit erregen können. Das Ministerium ruft stattdessen beispielsweise die Schulträger auf, in diesem Bereich etwas zu tun.

Das Rathaus der Hauptstadt will es nicht bei der einmaligen Unterstützung der Initiative von "saargebeat" belassen. Die Kunstwerke an den 450 Metern Autobahnmauer sollen jedenfalls auf Dauer dort bleiben. Stadt-Sprecher Mark Diening: "Wir werden prüfen, ob wir noch mehr geeignete Flächen für Graffiti-Aktionen finden." Ausdrücklich appelliert das Rathaus auch an private Eigentümer, sich zu solchen Angeboten zu entschließen (Telefon für Interessenten: (0681) 905-4249).

Sprayer-Star Sub hatte bei seinem Saarbrücker Auftritt für die dortige freie Atmosphäre ein dickes Lob parat, das freilich so manchem Konservativen hier zu Lande eher sauer aufstoßen dürfte: So etwas sei in New York nicht möglich. Kein Wunder: In der US-Metropole herrscht generell das Prinzip Null Toleranz – etwa gegenüber Rauchern – auch bei Graffiti. Von wegen Liberalität.

Karl-Otto Sattler

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Dezember 2002

Aus dem Inhalt
Heft 8/2002
Titelthema
Der Arbeitsmarkt ist unter Druck
Die 60.000er-Rechnung geht nicht auf
Warten auf den Konjunktur-
aufschwung
Nach der Ausbildung ist die Jobsuche nicht einfach
Kommentar von Rüdiger Zakrzewski: Wirtschaftsflaute nicht missbrauchen

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